Reiserecht in Corona-Zeiten: Was wird aus dem Sommerurlaub?

Sonne, Strand und Meer. Der Sommerurlaub 2020 ist längst gebucht – und zum großen Teil auch bezahlt. Die Vorfreude riesig. Bis Covid-19 das Leben weltweit ins Stocken brachte. Doch können Sie jetzt einfach stornieren? Oder bleiben Sie auf den Kosten sitzen? Wir beantworten die wichtigsten Fragen zum Reiserecht in der Corona-Krise.

Weltweite Reisewarnung des Auswärtigen Amts

Viele Länder haben aktuell Einreisesperren verhängt, um die Verbreitung des Virus einzudämmen. Menschen sind aufgefordert, zu Hause zu bleiben. Das Auswärtige Amt hat zudem erstmals in seiner Geschichte eine weltweite Reisewarnung ausgesprochen. Sie gilt vorerst bis zum 14. Juni.

Ihr Vorteil: Bis zu diesem Zeitpunkt gebuchte Urlaube können Sie nach deutschem Reiserecht kostenfrei stornieren.

Icon Anführungszeichen

Liegt eine offizielle Reisewarnung für das Zielland vor, werteten Gerichte das in der Vergangenheit meist als starkes Indiz für die Unzumutbarkeit der Reise. Und wenn eine Reise als unzumutbar gilt, können Reisende ihre Buchungen kostenlos stornieren.

Gerd Achim Klöß

Rechtsanwalt aus Ahrensburg

Kann ich meine Reise auch ohne Reisewarnung stornieren?

Wenn Sie Ihre Reise für einen späteren Zeitpunkt gebucht haben, können Sie sich allerdings nicht auf die Warnung des Auswärtigen Amts berufen.

Natürlich können Sie Ihren Urlaub auch ohne offizielle Reisewarnung jederzeit absagen. Allerdings werden dann unter Umständen Stornogebühren fällig. Nur wenn sogenannte außergewöhnliche Umstände vorliegen, greift das Recht auf kostenlose Stornierung.

Außergewöhnliche Umstände liegen vor, wenn die Reise durch etwas beeinträchtigt wird, das auch durch besondere Vorsicht und Vorbereitung nicht aus der Welt zu schaffen ist und nicht in der Verantwortung des Reisenden liegt. In diese Kategorie fällt auch die Corona-Pandemie. Aber Vorsicht: Die Regelung gilt nur für Pauschalreisen.

Eine Reise wird als Pauschalreise definiert, wenn mindestens zwei Reiseleistungen gemeinsam bei einem Anbieter gebucht wurden – also zum Beispiel Hotel und Flug. Haben Sie Hotel und Flug getrennt bucht, gelten Sie als Individualreisender.

Bei einer Pauschalreise müssen für eine kostenfeie Stornierung zwei Bedingungen erfüllt sein:

  • Die Reise gilt als unzumutbar – etwa, weil sie in eine direkt vom Coronavirus betroffene oder unmittelbar benachbarte Region führt oder die Einreise unmöglich bzw. verboten ist.
  • Das Virus muss zum Reisezeitpunkt eine Bedrohung sein.

Nach Stornierung erhalten Sie den bereits gezahlten Reisepreis zurück. Das gilt auch, wenn der Reiseveranstalter selbst die Reise absagt. Schadenersatz wegen entgangener Urlaubsfreuden können Sie allerdings nicht geltend machen, weil der Veranstalter ebenso wenig Verantwortung für die Situation trägt wie Sie.

Kann ich auch eine Individualreise kostenlos stornieren?

Bei Individualreisen ist die Lage komplizierter. Ob Sie kostenlos stornieren können, hängt zum Beispiel davon ab, welche Reiseleistungen Sie gebucht haben und bei welchem Anbieter.

Nach deutschem Reiserecht müssen Sie Ihr Hotel nicht bezahlen, wenn Sie es nicht nutzen können. Liegt das Hotel zum Beispiel im Sperrgebiet, ist die Unterkunft nicht erreichbar und Sie können kostenlos stornieren. Das gilt allerdings nur, wenn die Buchung deutschem Recht unterliegt. Haben Sie Ihre Unterkunft direkt beim Hotel im Ausland gebucht, müssen Sie sich nach dem Reiserecht des jeweiligen Landes richten.

Es ist relativ aufwendig, herauszufinden, welche Regelungen in diesem Fall gelten und ob gegebenenfalls Sondervorschriften für den Pandemiefall berücksichtigt werden müssen. Aktuell ist noch nicht absehbar, ob Zahlungen zurückerstattet werden. Haben Sie Ihr Hotel über ein großes Online-Portal gebucht, bekommen Sie dort in der Regel ausführliche Informationen zum weiteren Vorgehen.

Diese Regeln gelten auch für Ferienwohnungen. Trotzdem stoßen Reisende jetzt manchmal auf Formulierungen in den Buchungsbedingungen, in denen es heißt, eine Stornierung wegen einer Pandemie sei ausgeschlossen. "Diese Klauseln sind rechtlich unwirksam!", sagt Rechtsanwalt Klöß. "Vermieter dürfen das wirtschaftliche Risiko für solche außergewöhnlichen Umstände nicht allein auf den Reisenden abwälzen."

Auch wenn Sie nur einen Flug gebucht haben, dürfen Sie diesen umbuchen oder stornieren, wenn Sie die Reise wegen der Pandemie nicht antreten können. Die Fluggesellschaft muss den Ticketpreis erstatten. Ein zusätzlicher Anspruch auf Entschädigung – zum Beispiel weil die Gesellschaft den Flug von sich aus streicht – dürfte allerdings nur in Ausnahmefällen durchsetzbar sein. Viele Fluggesellschaften berufen sich bei Flugstreichungen auf die "außergewöhnlichen Umstände".

Akzeptieren Gerichte diese Argumentation, stehen Betroffenen keine Entschädigungen zu. Auch wenn ein Flug wegen der Einreisesperren im Zielland abgesagt werden muss, können Sie keine Entschädigung geltend machen.

Kann die Reise wegen einer Einreisesperre nicht stattfinden, erhalten Sie Ihr Geld ebenfalls zurück. Das gilt sowohl für Pauschalurlauber als auch für Reisende, die nur einen Flug gebucht haben. Die Fluggesellschaft beziehungsweise Ihr Reiseveranstalter muss Ihnen den bereits gezahlten Reisepreis erstatten.

Checkliste: In diesen Fällen ist eine kostenlose Stornierung möglich

Wenn Sie in den nächsten Wochen eine Reise ins Ausland gebucht haben, müssen Sie folgende Fragen klären, um zu erfahren, ob gemäß Reiserecht eine kostenlose Stornierung möglich ist:

  • Gilt eine offizielle Reisewarnung auch für mein Reiseland und den Reisezeitraum?
  • Gibt es für mein Zielland eine Einreisesperre, die auch zum Reisezeitpunkt noch in Kraft ist?
  • Hat mein Reiseveranstalter/die Fluggesellschaft meine Reise bereits abgesagt?

Können Sie eine oder mehrere dieser Fragen mit "Ja" beantworten, sollten Sie sich zunächst an die Fluggesellschaft oder den Reiseveranstalter wenden. In den meisten Fällen bieten diese eine kostenlose Stornierung oder zumindest eine Umbuchung auf einen späteren Reisezeitraum an.

Ist die Reise bereits abgesagt, müssen Sie keine Zahlungen mehr leisten. Auch wenn Sie die Reise stornieren, werden keine Restzahlungen mehr fällig.

Fällt Ihre Reise nicht unter die oben genannten Voraussetzungen, müssen Sie unter Umständen Stornogebühren zahlen. Das kann zum Beispiel passieren, wenn die Reise erst für das nächste Jahr gebucht, also noch völlig unklar ist, ob die Einschränkungen durch die Corona-Pandemie dann noch gelten.

Urlaub 2020: Was gilt für den diesjährigen Sommerurlaub?

Ein Problem ergibt sich, wenn Sie erst in einigen Monaten in Ihren Urlaub aufbrechen wollten: Die Reise liegt noch so weit in der Zukunft, dass die Reisewarnung des Auswärtigen Amts nicht gilt. Aber der Termin ist nahe genug, um zu vermuten, dass der Urlaub wegen der Corona-Pandemie abgesagt wird.

In diesem Fall haben Sie zwei Möglichkeiten, wie Rechtsanwalt Klöß erläutert: "Sie können ohne Angabe von Gründen vom Vertrag zurücktreten. Es ist aber möglich, dass in diesem Fall Stornogebühren fällig werden. Oder Sie können versuchen, ein Zurückbehaltungsrecht für die Restzahlung durchzusetzen." Hierbei zweifeln Sie die Durchführbarkeit der Reise an und erklären, "dass Sie deshalb die Zahlungen so lange zurückhalten, bis klar ist, ob sie stattfindet oder nicht. Im Moment kann aber noch niemand sagen, ob sich dieses Zurückbehaltungsrecht auch gerichtlich durchsetzen lässt," führt Klöß weiter aus.

Es ist möglich, dass der Reiseveranstalter Ihr Zurückbehaltungsrecht nicht akzeptiert und eine Mahnung schickt. Dann bleiben Ihnen drei Möglichkeiten:

  • Die Buchung stornieren. Dann entfällt die Restzahlung, unter Umständen werden aber Stornogebühren fällig.
  • Die Buchung aufrechterhalten und die Restzahlung leisten (gegebenenfalls zuzüglich Mahngebühren).
  • Den Zurückbehaltungsanspruch einklagen.